Interview mit Sänger Thomas Lindner von Schandmaul, 11.06.09 Landschaftspark Duisburg...[ face2face ]
 

Seit einem halben Jahr feiern die Schandmäuler ihren zehnten Geburtstag in der ganzen Nation. Den Anfang machte der Auftritt im Münchener Zenith und den Abschluss stellten die beiden Konzerte [ review ] in Duisburg dar. Über die Feierlichkeiten, die dazugehörige DVD, die Vergangenheit und Zukunft sprach unser Redakteur Carsten Terres mit Sänger Thomas Lindner.

 

Carsten: „Erst einmal vielen Dank, dass Du dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Gratulation zu eurer Live DVD „Sinnfonie“. Warum sollten sich unsere Leser sich diese DVD kaufen?“
Thomas:
„Warum sie sie kaufen sollten, ja weil bislang war es unsere größte Show, unser längstes Konzert und auch eines unseren Besten und wir feiern ja nicht ständig unseren zehnten Geburtstag. Daher haben wir eine riesige Show draus gemacht und unser Publikum hat eine noch viel größere Party gemacht. Wer sich die DVD im Wohnzimmer anschaut wird dann hoffentlich etwas von dem Flair aus München mitbekommen.“

Carsten: „Ihr habt in München vor 7000 Menschen gespielt, die ausschließlich wegen euch dort waren um mit euch das 10jährige Bandjubiläum zu feiern. Was war das für ein Gefühl?“
Thomas:
„Das war absolut überwältigend. Durch diesen Kult mit den Busreisen der Fans, der Sternfahrt nach München waren unsere Fans dermaßen heiß und geil, dass es in der Halle so laut war, dass man glauben konnte es wären noch mal doppelt so viele Zuschauer. Es war einfach verdammt laut. Wenn man dann an einem solchen Abend auf die Bühne geht und die Kameras auf einen gerichtet sind, weil man weiß man hat für die DVD - Produktion nur einen Schuss und man weiß welch technischer Aufwand dran hängt, steht man natürlich richtig unter Druck. Wenn man dann aber die Leute sieht und sieht wie die abgehen dann beruhigt einen das doch sehr und man dreht selber zur Höchstleistung auf.“

Carsten: „Nach welchen Kriterien habt ihr die Lieder für euer Konzert in München ausgesucht?“
Thomas:
„Wir haben erstmal die Lieder genommen von denen wir denken, dass sie gut sind, des Weiteren hatte das Publikum im Vorfeld die Möglichkeit sich zwanzig Nummern auszusuchen, die wir spielen sollen. Diese Topzwanzig hatte sich dann auch mit den Liedern gedeckt, die wir selber rausgesucht haben. Wir haben auch schon versucht aus allen CDs und allen Jahren ein Best-of zumachen, aber nicht nur das, sondern auch Lieder live vorzustellen, die wir vorher noch nie live gespielt haben.“

Carsten: „Das Konzert gestern und heute hier in Duisburg war als Jubiläums Show auf euerer Homepage angekündigt, spielt dasselbe LineUp wie in München?“
Thomas:
„Nein, wir haben das Konzert heute ja auf zwei Tage aufgesplittert und insgesamt werden an beiden Tagen alle Lieder aus München gespielt worden sein, sowie auch ein paar andere Lieder, die wir im Zenith nicht gespielt haben.“

 

Carsten: „Welche Bedeutung hat es, dass ihr Sinnfonie mit 2 „n“ geschrieben habt?“
Thomas:
„Wir hatten ja im Vorfeld eine Dokumentations- DVD namens „Sinnbilder“ raus gebracht, wo wir unser Leben als Musiker insbesondere die letzten zehn Jahre reflektiert haben und die „Sinnfonie“ ist so zusagen der musikalische Rückblick der letzten zehn Jahre.“

Carsten: „Da dies ja bereits eure dritte live DVD ist, was unterscheidet sie deiner Meinung nach von den Vorgängern?“
Thomas:
„Also die „Hexenkessel“ ist einfach schon richtig alt. Zwei bzw. drei Alben fehlen auf der „Hexenkessel“ und in der Zeit gab es eine ganz große Entwicklung in der Band und mit der „Sinnfonie“ gibt es einfach eine aktuelle Rock – DVD und dann halt auch nicht eine DVD aus dem kleinen Backstage in München, wo 600 Leute rumgehoppelt sind. Und bei dem Anlass sagt man sich auch: Wenn nicht jetzt wann dann!“

Carsten: „Euer Bandjubiläum ist ein schöner Anlass einmal zurück zublicken. Wie würdest du die Entwicklung der letzten 10 Jahre beschreiben?“
Thomas:
„Es war harte Arbeit. Es fällt einem nichts in den Schoß. Wir haben angefangen wie alle Bands angefangen haben. Wir haben in irgendwelchen Jugendzentren und Dorfpinten gespielt. Wir haben uns die Wochenenden um die Ohren gehauen und sind um vier Uhr früh noch im Sprinter auf der Autobahn gewesen um dann um acht Uhr in irgendeinem Büro zu stehen. Es war ein harter Weg mit Höhen und Tiefen, aber es ging eigentlich stetig aufwärts. Es kam dann halt auch die Zeit wo wir beschlossen haben ins Profilager zu wechseln. Da ging es eigentlich erst richtig los, weil man einfach viel mehr Kapazität an Zeit und Kraft in die Arbeit als Musiker stecken konnte. Aber alles in allem war es eine schweinegute Zeit, mit fünf geilen Freunden. Es sind aber nicht nur die Musiker alleine, auch die Crew mit der wir zusammen gewachsen sind, sowie auch mit der Plattenfirma und dem Management mit denen wir ein freundschaftliches Verhältnis haben. Wir sind einfach eine kleine, aber schlagkräftige Truppe.“

Carsten: „Welche und wie viele Aufgaben hattet ihr denn im Vergleich zur Amateurzeit und der Zeit als Profi?“
Thomas:
„Es wird halt ständig mehr. Wenn man sich jetzt vorstellt und sagt wir sind Profimusiker, dann darf man nicht davon ausgehen, dass wir uns jeden Tag treffen und Musik machen und Lieder schreiben. Das kann man vergessen. 80 % der Arbeit findet vorm Computer statt und zwar nicht in der Form von Musik machen, sondern Büro. Das ist Organisation, Management, Studios organisieren bis hin zum erstellen von Merchandise Artikeln und nebenbei komponiert man dann auch noch.“

Carsten: „Es ist also nicht das Leben, wie sich der Laie einen Rockstar vorstellt!“
Thomas:
„Das ist es ganz sicher nicht. Das schöne als Profi ist du kannst dir aussuchen, wann du die Arbeit machst, aber sie muss gemacht werden.“

Carsten: „Hast du schon eine Idee was Schandmaul macht, wenn wir uns zum 20jährigen Bandjubiläum treffen würden?“
Thomas:
„Ich denke mal mein Bart ist etwas grauer, vielleicht hat sich auch in die eine oder andere Locke der Mädchen ein graues Haar geschlichen, aber ansonsten hoffe ich, dass alles so bleibt und wir so weiter machen können und dieses Leben und Gefühl so weiter haben dürfen.“

Carsten: „Mein Eindruck war es, dass ihr bis zu eurem Album mit „Mit Leib und Seele“ immer ein wenig düsterer und rockiger geworden seid nun mit Anderswelt wieder etwas ruhiger geworden seid. Wie kam es dazu?“
Thomas:
„Abgesehen davon, dass wir uns das nicht im Vorfeld überlegen und uns einen Plan mit Flipchart aufstellen, kommt bei uns immer alles aus dem Bauch heraus und vom Gefühl her. Was die Härte von der „Anderswelt“ angeht bist du einer von den 50% die meinen, dass es ruhiger geworden ist. Die 50% fragen, warum wir jetzt noch härter geworden sind. Es ist immer wieder lustig, aber jetzt weiß ich in welchem Lager du bist.“ (lacht) „Was wir anderes gemacht haben, als mit der „Leib und Seele“ mit der wir ein sehr introvertiertes und emotionales Album geschrieben haben, haben wir Texter bei der „Anderswelt“ uns schon im Vorfeld vorgenommen wieder mehr Märchen und Geschichten zu schreiben. Das war schon die Auflage, wobei natürlich immer auch persönliche Texte mir rein kommen, aber vor allem halt Märchen. Du sagst, dass macht die Platte ruhiger, andere sagen positiver oder fröhlicher.“

 

Carsten: „Du sagtest ja gerade schon, dass viele eurer Lieder kleine Märchen sind wie viel moderne Inhalte und private Erlebnisse sind darin verarbeitet?“
Thomas:
„In jedem Lied steckt etwas drin und sei es nur die Entstehung der Geschichte. Nehmen wir z.B. die „Prinzessin“ vom der „Anderswelt“, dann ist das ein Liebeslied für ein Mädchen oder ein Schlaflied für ein Kind und man kann sich das so zu Recht legen wie man gerade möchte. Anna war der Text zur Geburt ihrer Nichte eingefallen. Sprich in jedem Lied steckt etwas Privates drin, sonst hat man ja auch keine Idee.“

Carsten: „Ihr habt mit „Der junge Sigfried“, „Drachentöter“ und „Krieger“ eine Triologie zum Nibelungen Lied gemacht. Gibt es weitere Literarische Werke, die ihr in dieser Art umsetzten wollt?“
Thomas:
„Das hat sich durch Zufall ergeben. Mit dem „jungen Sigfried“ und dem „Drachentöter“ waren wir auch noch ziemlich weit weg vom literarischen Kern. Erst bei Krieger haben wir gesagt, dass wir langsam mal wieder auf die Geschichte zurückkommen müssen. Mir schwebt da gerade nix konkret vor, aber vielleicht wenn ich irgendein Buch lesen sage ich ja, dass man daraus etwas machen kann.“

 

Carsten: „Ich finde es sehr markant für Schandmaul, dass ihr oftmals düstere oder traurige Texte in besonders fröhliche Melodien verpackt. Würdest du es auch so sehen, dass dies eines euer Markenzeichen ist und welche weiteren Dinge sind besonders markant für euch?“
Thomas:
„Was diese Wechselspiel zwischen düsteren Texte und fröhlicher Musik angeht, ist das der Grund warum wir so heißen wie wir heißen und wir haben auch immer noch die Schalk im Nacken. Und wenn gerade mal wieder abgemurkst wird kann man trotzdem dazu tanzen. Und die Musik von Schandmaul machen genau diese sechs Köpfe aus. Tausche da etwas aus, nimmt eines von diesen sechs Gewürzen raus, die da in dem Eintopf drin sind und schon ist auch die Musik wieder anders. Wir sechs sind einfach das besondere von Schandmaul.“

Carsten: „Jedes Album von euch hat sich höher in Charts platziert, setzt ihr euch selber unter Druck mit der nächsten Platte noch erfolgreicher zu sein oder nehmt ihr es wie es kommt?“
Thomas:
„Natürlich ist man da gespannt, genauso wie die ganze Maschinerie drum herum gespannt ist und dadurch setzt man sich auch unter Druck. Da oben wo wir jetzt gerade schweben in den Top Ten, da kann das nächste Album sich mehr verkaufen als das letzte und wir sind trotzdem etwas weiter unten in den Charts, weil das von so vielen Faktoren abhängt. Aber den Pressefuzies dann zu erklären warum es nur Platz elf ist und nicht Platz acht, dann fragen die sofort ob es nun Berg ab geht. Aber nein wir haben mehr verkauft, aber nicht jeder versteht das dann. Von daher wäre es am einfachsten wir würden beim nächsten Mal noch einen weiter hochklettern, dann kann es auch keine Diskussionen geben. Aber man freut sich natürlich auch über eine hohe Platzierung.“

Carsten: „Mit dem Erfolg kommt von manchen Menschen der Vorwurf das Schandmaul zu kommerziell geworden sei, was entgegnest du solchen Vorwürfen?“
Thomas:
„Ich kenne das von mir selber auch. Ich nehme jetzt mal ein konkretes Beispiel von der Band „Live“ aus Amerika. Da bin ich mit dem ersten Album eingestiegen, dann kam das Zweite, das Dritte, das Vierte, das Fünfte und es wurde immer besser. Dann kam das Sechste und das gefiel mir nicht mehr so, aber ich habe es mir trotzdem gekauft und dann kam das Siebte und das gefiel mir noch weniger. Aber ich habe dann nicht gemotzt und nicht gemeckert, sondern habe gesagt die Entwicklung, die diese Band gemacht hat konnte ich wohl nicht mitmachen, aber ich finde die Band geil und habe sechs geile Platten im Regal stehen. Bei der nächsten höre ich dann vielleicht rein, wenn es eine gibt und schaue dann ob sie anders ist, aber ich motzt doch nicht rum, denn ich kann der Band doch nicht vorschreiben wie sie sich zu entwickeln hat. Denn Stillstand ist der Tod. Wenn wir noch dieselbe Mucke machen würden wie auf der „Wahre Helden“ wären im Zenith keine 7000 Leute gewesen.“

Carsten: „Jeder von euch arbeitet mittlerweile bzw. wieder an eigenen Projekten (Anna, Weto, Sava). In wie weit hat das Einfluss auf eure Arbeit bei Schandmaul?“
Thomas:
„Dahingehend, dass man an Erfahrung hinzugewinnt, wie bei jeder CD Produktion man etwas dazu lernt und man wächst mit jeder Aufgabe. Musikalisch nicht. Nur weil wir mit Weto ein Album gemacht haben muss das nächste von Schandmaul jetzt nicht doppelt so hart klingen. Man lernt halt dazu und natürlich fliesen Dinge mit ein, wir sagen aber nicht wir machen es jetzt so wie da.“

Carsten: „Viele Bands haben ein Lied, das von den Fans immer live erwartet wird. Gibt es bei euch einen Song den ihr einfach spielen müsst an dem ihr euch aber schon satt gehört habt?“
Thomas:
„Es gab Lieder an denen wir uns satt gehört haben, aber die sind dann halt aus dem Set geflogen. Wir haben ja genug und dann kann man einen Song auch mal ein oder zwei Jahre liegen lassen und dann hat man auch Lust den zu spielen. Natürlich gibt es auch Lieder, die die Leute einfach erwarten wie „Walpurgisnacht“, „Dein Anblick“ oder die anderen Balladen wie „Willst du?“ oder „Sonnenstrahl“, die sie gerne hören wollen. Ich glaube die „Walpurgisnacht“ haben wir bis jetzt auf jedem Konzert gespielt, aber „Dein Anblick“ hatte schon mal Urlaub. Wir versuchen schon die Erwartungen durch genügend Abwechslung zu bremsen. Es ist zwar schön das die Leute die Lieder mögen, aber sie sollen ja auch neue Sachen zu hören bekommen. Ich habe letztens die bayrische Band „Spider Murphy Gang“ gesehen, da die wieder unterwegs sind. Die haben wunderbare neue Songs geschrieben, aber die will keiner hören, alle wollen immer nur die ollen Kamellen. Ich habe dann mit dem Sänger gesprochen und der sagte, das sei unfassbar frustrierend, wenn man neue Songs macht und die hören gar nicht zu und gehen sich in der Zeit ein Bier holen. So was muss man einfach versuchen zu verhindern und wahrscheinlich haben sie das auch selber verbockt, weil sie zu lange auf dem alten rum geritten sind.“

 

Carsten: „Wo wir gerade auch von anderen Bands reden. Gibt es für dich musikalische Vorbilder?“
Thomas:
„Ich kann das nicht an einem festmachen, weil ich auch ganz unterschiedliche Musik höre angefangen von Deutschrock und Grönemeyer bis hin zu harten Metallkapellen, wo ich mir überall etwas rausziehe, aber ich kann nicht sagen das ist mein Idol. Man kann überall etwas rausziehen und lernen. Das fällt mir zu Beispiel ein der Krieger, da habe ich meine Stimme gedoppelt. Ich singe dieselbe Stelle einmal hoch und einmal tief. Das habe ich mir bei Grönemeyer abgeguckt. Das mache ich jetzt natürlich nicht im jedem Lied so, aber man kann überall was lernen. Den Sänger von „The Prodigy“ habe ich auf dem Novarock in Wien gesehen und der hat bei einem Lied so ein Floorlight und der Rest der Bühne war dunkel und wie soll ich es sagen… er hat das Licht gef***t, er hat mit diesem Licht so gespielt, dass ich das in unserer Show auch mal probiert habe.“

Carsten: „Hast Du noch ein paar abschließende?“
Thomas:
„Ja Mensch, wenn ihr uns noch nicht live gehört habt, erhebt euren Arsch wir sind in diesem Jahr auf vielen Festivals unterwegs und wir rocken euch!“

 

Unser Dank gilt vor allem Thomas Lindner für das sehr angenehme Interview kurz vor dem echt tollen Auftritt der Band im Duisburger Landschaftspark.

 
Interview geführt von Carsten Terres
Homepage Künstler www.schandmaul.de
Live-Bilder Carsten Terres [ Thomas ], Daniela Vorndran [ Anna ]