Lea: Sind Cinema
Bizarre eigentlich nach wie vor deine Schützlinge?
Tilo: Ja klar, logisch.
Lea: Wie findet man
da überhaupt noch Zeit für sich, wenn man zusätzlich
zur eigenen Band auch noch andere Projekt betreut?
Tilo: Ja, es ist
schwierig, aber auch alles eine Frage des Zeitmanagements.
Es gibt natürlich Momente, in denen man wirklich die
ganzen Dinge, die zu bewältigen wären, gar nicht alle
unter einen Hut bekommt. Aber im Großen und Ganzen will
ich auch leben nebenbei und meine Tage nicht nur am
Telefon und vor dem Rechner verbringen. Ich meine, ich
mache das ganze ja, weil ich Spaß daran habe, und in dem
Moment, wo es keinen Spaß mehr macht, muss man sich
sowieso fragen, ob und warum man das überhaupt noch
weitermachen sollte. Von daher muss man immer schauen,
dass man irgendwo eine Waage zwischen Spaß und Opfer
finden kann.
Lea: Ich habe
gehört, dass der Titel zum neuen Lacrimosa-Album
zunächst Koma lauten sollte. Letztendlich
seid ihr bei Sehnsucht gelandet. Wie kommt´s?
Tilo: Naja,
Koma war mal so der erste Gedanke, weil das
ein zentrales Stück auf dem Album ist. Zugunsten von
Sehnsucht hat es sich dann verändert, da ich
kurz vor Ende einer Produktion immer anfange, mir
Gedanken zu machen, wie dieses Album grafisch umgesetzt
werden könnte, sprich wie das Cover aussehen soll. Und
dabei lasse ich das gesamte Album eigentlich nochmals
emotional Revue passieren und dabei ist mir aufgefallen,
dass sich dieses neue Album eben sehr viel mit der
Thematik Sehnsucht auseinandersetzt. Jeder
Titel beschreibt eine eigene Form der Sehnsucht, was
allerdings so nicht geplant war. Es ist also kein Konzept-Album,
sondern eher instinktiv oder intuitiv passiert und das
ist mir relativ am Ende der Produktion aufgefallen. Und
daraufhin habe ich kurzerhand den Titel gewechselt, was
wiederum einer der Vorteile ist, wenn man selber
entscheiden kann und einem keine Plattenfirma im Rücken
sitzt. (lacht)
Lea: Wie passen
denn ganz konkret Titel und Cover des neuen Albums
zusammen?
Tilo: Da gibt es insofern
die konkrete Verbindung, dass wir auf der Rückseite
diesen Harlekin sehen, der im Prinzip mein Alter Ego ist.
Ähnlich erstaunt wie er dort mit der Fackel in der Hand
dasteht, so erstaunt stehe ich vor diesem Album, weil ich
ganz ehrlich zugeben muss, als ich mit dem Album
angefangen habe, hatte ich nicht erwartet, dass es so
radikal und emotional wird. Und das Feuer, das man auf
dem Cover sieht, ist im Prinzip ein Symbol der Sehnsucht.
Feuer deswegen, weil die Sehnsucht eine große Quelle der
Energie ist, in sich auch sehr schön ist, aber
gleichzeitig auch sehr gefährlich sein kann. Wenn man
sich der Sehnsucht willenlos hingibt, dann kann sie einen
auch auffressen und verbrennen und man wird zum Sklaven
der Sehnsucht. Aus dieser Sehnsucht letztlich heraus
steigt dieses Pferd empor, das für mich einerseits die
Schönheit eines Pferdes, nochmals die Schönheit der
Sehnsucht, andererseits die Kraft und Energie, die ein
Pferd in dieser Pose mit sich bringt, symbolisiert. Das
Pferd ist natürlich ungesattelt, weil es ein wildes
Pferd ist, das gezähmt werden muss, so wie auch die
Sehnsucht gezähmt werden muss. Die Sehnsucht darf nicht
den Reiter zähmen, sondern der Reiter muss die Sehnsucht,
also das Pferd zähmen. Und das Pferd ist auch weiterhin
als Sinnbild für die Freiheit zu verstehen. Man schwingt
sich einfach auf das Pferd, um davon zu reiten und neue
Welten zu erkunden, was letztendlich die Sehnsucht mit
einem selber auch macht. Ohne die Sehnsucht würde man
nicht in andere Dimensionen vorstoßen können. Und die
Dame auf dem Pferd, die Reiterin, ist unsere alte
Bekannte Elodia, die vor 10 Jahren gestorben ist. Sie
erscheint hier allerdings wieder, um einerseits zu zeigen,
dass die Sehnsucht größer sein kann als der Tod, dass
sie quasi die Mauern des Todes überwinden kann.
Andererseits erscheint sie so, wie sie auch das erste Mal
auf einem Lacrimosa-Cover erschienen ist, nämlich damals
1993 auf der Satura komplett nackt und
bloß, ohne Hülle und ohne Verkleidung sozusagen, ohne
Schutzschild und gleichermaßen auch ein bisschen surreal
als Geisteswesen. Und sie tritt auch bewusst hier in
Erscheinung, um diese Verbindung zu den ursprünglichen
Lacrimosa-Alben wiederherzustellen, wobei ich bei dem
neuen Album eben eine sehr starke Verbindung sehe zu der
ursprünglichen Lacrimosa-Thematik.
Lea: Wonach sehnst
du dich selbst manchmal am meisten?
Tilo: Das können
verschiedene Sachen sein. Die Sehnsucht kann sich, wie
das Album zeigt, in verschiedensten Weisen mit
verschiedensten Gesichtern präsentieren. Es gibt
natürlich eine Grundsehnsucht, die man, wenn man über
dieses Wort redet, nicht außer Acht lassen darf. Das ist
natürlich die Sehnsucht nach zwischenmenschlicher
Geborgenheit, zwischenmenschlicher Liebe, eine gewisse
körperliche und sexuelle Sehnsucht, die wahrscheinlich
jeden Menschen gewissermaßen begleitet. Allein hier
sehen wir auch schon, wie gefährlich so eine Sehnsucht
werden kann. Allein dieser Aspekt der Sehnsucht kann
schon vernichtend sein. Es gibt viele Menschen, die von
der Sehnsucht nach einer Liebe, nach einer speziellen
Person vernichtet wurden. Es geht aber auch weiter. Ich
habe natürlich auch noch andere Sehnsüchte in mir. Das
kann durchaus auch mal die Sehnsucht nach Rache sein, wie
auf dem Titel Feuer zu hören ist. Das kann
aber auch die Sehnsucht, zum Beispiel wie bei
Koma zu hören, nach Wahrhaftigkeit, nach
einer Wachsamkeit in der eigenen Wahrnehmung sein. Es
gibt so viele Sehnsüchte, und sei es die profane
Sehnsucht nach einem guten Wein oder nach einem guten
Essen.
Lea: Wo sind die
Songtexte zum neuen Album entstanden?
Tilo: Das ist
unterschiedlich. Ich setz mich selten hin und sag, ich
schreibe jetzt einen Songtext, sondern ich schreibe
oftmals meine Gedanken einfach auf.
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